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Kreativität und Gründergeist

Ein Pionierprojekt in Hamburg beschreibt sein Co-Living-Haus als einen Ort, and dem junge Gründer und Kreative zusammen wohnen, um an Ideen zu arbeiten: 

“Ein Zuhause für Unternehmergeist und Innovation. Ein Wohnraum, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen begegnen und austauschen. Ein Kristallisationspunkt der lokalen Gründer-Szene. Eine Anlaufstelle für internationale Gäste aus der Startup Community.”

Co-Living soll inspirieren und den Gemeinschaftssinn fördern. Wer den Großteil seiner Zeit dem eigenen Business widmet, dem droht schnell die soziale Isolation. Co-Living wirkt dem aktiv entgegen. Vorangetrieben wird dieser Trend vor allem von den Millennials. Damit brechen sie nicht nur mit traditionellen Arbeitsformen, sondern auch mit dem traditionellen Wohnen und der Vorstellung, dass das eigene Heim das anzustrebende Ideal ist. Millennials wollen mehr. Wirtschaftliches Wachstum soll mit persönlichem Wachstum einhergehen. Im Manifest von coliving.org heißt es:

“Co-Living is for people who want a home environment that actively supports them in living with purpose and intention.”

Das in Berlin eröffnete Projekt Quarters bietet auf fünf Etagen insgesamt neun Wohnungen mit jeweils fünf Zimmern. Entwickelt wurde es von der Medici Living Group, einem PropTech Unternehmen, das weltweit innovative und digitalisierte Co-Living-Konzepte umsetzt. Ziel sei es, „Menschen zusammenzubringen,die eine Gemeinsamkeit haben: Kreativität und frischen Gründergeist”.

Kleine Zimmer viel Gemeinschaft

Geschlafen wird in kleinen, voll möblierten Zimmern. Gemeinschaftsräume werden geteilt. Im Regelfall sind das Bäder, die Küche und das Wohnzimmer. Manche Co-Living-Häuser bieten allerdings auchBibliotheken, Fitness-Räume oder Dachterrassen, häufig inklusive Morning-Yoga oder anderer Serviceleistungen. In professionell organisierten Co-Living-Häusern fungieren Betreiber zudem oft als Mediatoren. Treten Konflikte auf oder herrscht Krisenstimmung, schreiten sie ein; auch wenn die Bewohner ausschließlich Erwachsene sind.

Die einzelnen Zimmer sind in der Regel kurzfristig kündbar und provisionsfrei. Die Mindest-Mietdauer liegt zwischen ein und drei Monaten. Gezahlt wird nach dem All-In-Modell. Gebühren für schnelles WLAN, Waschmaschinennutzung, die Reinigung der Gemeinschaftsflächen und andere Nebenkosten sind damit abgedeckt. Billig ist Co-Living allerdings nicht. Die Mieten in Deutschland reichen für ein 10-15 qm großes Zimmer von 500 Euro für bis zu rund 1.500 Euro.

Co-Living wird professionell

Neu ist die Idee von Co-Living nicht, sagte Brad Hargreaves kürzlich dem Britischen Guardian. Sein Unternehmen Common vermittelt WG Zimmer für Erwachsene.

“The biggest misunderstanding of co-living is people think it’s this totally new crazy and radical thing. It’s not. People have been living with roommates for a really long time. That’s how so many people in cities live. Really what we are doing is just taking this way of living and making it better, designing an experience for what people are already doing.”

In Amerika hat Co-Living eine längere Tradition. Grund dafür ist aber nicht nur die Suche nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, sondern auch der steigende Preis für Immobilien – vor allem in den Zentren. Als Vorreiter gilt die Rainbow Mansion im Silicon Valley, die 2006 von fünf NASA-Ingenieuren gegründet wurde. Seither organisieren die Bewohner in ihrer Villa regelmäßig Pitch-Abende und Hackathons oder laden namhafte Unternehmer für private Lectures ein. The Embassy, eines der ersten Co-Living-Projekte aus San Francisco, ist mittlerweile bis nach Costa Rica expandiert. Und Unternehmen wie Pure HouseOpen DoorCommonTech Farm oder The Collective schlagen in die gleiche Kerbe. Finanzkräftig erweitern sie den Markt und professionalisieren Co-Living. Denn die Nachfrage steigt. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der 18- bis 30-Jährigen, die in Wohngemeinschaften leben, fast verdoppelt.

Pioniere auf europäischem Boden findet man im Kopenhagener Nest. 21 Unternehmer leben in vier Wohnungen mit jeweils einer Wohnküche, zwei Badezimmern und Zugang zu Gemeinschaftsbereich und dem Garten mit der Grillstation. Etabliert haben sich außerdem das spanische Surf Office, das Casa Netural in Italien, das Hus24 in Schweden, das Zagreb Cohousing in Kroatien oder die Changemakers Residence in Österreich.

Co-Living in Deutschland

Im Berliner Stadtteil Charlottenburg eröffnet rent24 demnächst das bisher größte Co-Living Projekt des Landes. Im kommenden Jahr will das Unternehmen zudem in Hamburg mit einem ganzen Campus aufwarten. Auf einem ehemaligen Fabrikgelände sollen über 7.500 qm Büros und Mikroapartments mit “Begegnungsflächen” entstehen. Ziel ist es Wohnmöglichkeiten zu schaffen, die “günstiger als Hotels” und “flexibler als eine eigene Wohnung” sind. Die Düsseldorfer Business WG zielt auf ein ähnliches Klientel ab, junge Geschäftsmänner und Geschäftsfrauen, die viel unterwegs sind, flexibel bleiben wollen, aber nicht alleine. Plattformen wie AirBnB oder StartupBnB bieten mittlerweile spezielle Such-Optionen für Geschäftsreisende, die nicht nur ein Zimmer sondern auch eine Gemeinschaft suchen.

Luft nach Oben

Das Konzept der Medici Living Group, dem Entwickler des Berliner Quarters, scheint aufzugehen. 2016 ist nach Angaben des Unternehmens der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 32% auf knapp 5,8 Millionen Euro gestiegen. Dass Co-Living ein lukratives Geschäft ist, hat auch WeWork erkannt, das mit WeLive in den Markt vordringt. WeLive mietet Wohnung an, stattet sie aus und untervermietet auf Monatsbasis; Zugang zu Gemeinschaftsflächen und der “Community” inklusive. Laut WeWork Gründer Adam Neumann geht das Unternehmen von 34.000 WeLive-Mitgliedern im kommenden Jahr aus. 2018 soll der Jahresumsatz bei 636 Millionen Dollar liegen. Entsprechend hoch ist das Interesse internationaler Immobilienentwickler in Co-Living zu investieren. Gefahr sich dabei gegenseitig in die Quere zu kommen, bestehe aber nicht, heißt es aus Entwicklerkreisen. Nach oben gäbe es derzeit noch wahnsinnig viel Luft.