Selfapys Farina.

Rund 10 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter depressiven Störungen. Tendenz steigend. Auf Therapieplätze warten Betroffene unter Umständen bis zu sechs Monate, vor allem in ländlichen Regionen. Für jemanden der sich in einer ausweglosen Situation sieht, ist das eine lange Zeit. Was machen diese Menschen also während sie warten? Diese Frage stand am Anfang von Selfapy. Das Resultat war ein Startup, das Therapien online anbietet. Selfapy hat einen Kurs einwickelt, der mit personalisierten Übungen und psychologischer Betreuung Menschen betreut. Jederzeit und überall.

SETTING: Ihr habt euch ja kein leichtes Thema gesucht.

FARINA: Es ist ein schweres Thema. Aber es ist ein schönes Thema. Die Schicksale gehen schon nah. Wir haben wirklich alles – das Mädel Anfang dreißig, das bei einer Beratung arbeitet und nicht mehr kann, also an einem Burnout leidet, den depressiven Mann, der kurz vor der Rente steht und mit seinem Leben nicht mehr klar kommt, die Frau in Shanghai, die ausgewandert ist und sich dort einsam fühlt, bis hin zu Menschen mit Altersdepressionen. Es ist schon was anderes wenn du Schuhe verkaufst. Bei uns sind das ja wirklich auf eine Art lebensverändernde Einschnitte, die die Menschen erleben, und die wir dann wiederum helfen zu mildern.

SETTING: Was ist der Unterschied zu den gängigen Wohlfühl-Kursen?

FARINA: Es gibt ja einige Konzepte à la „Wie werde ich glücklich“. Ist auch ein Markt. Vor allem in unserer Generation Y, die geht da voll drauf ab. Wir wollen aber Leuten mit einer Krankheit aus ihrer Situation helfen. Nicht dieses Achtsamkeit-Ding im Sinne von „ich achte auf meine Ernährung, ich achte auf meinen Sport und ich achte darauf, dass ich drei mal am Tag wen anlächle“. Wir setzen viel mehr auf „Ich bin depressiv. Ich bin krank. Wie komme ich aus meiner Situation heraus?“. Das ist der Unterschied.

SETTING: Worum geht es Selfapy genau?

FARINA: Es geht im Endeffekt darum, Leuten mit psychischen Störungen wie Burnout, Depression oder Angststörung einen direkten Weg zu einer Therapie zu geben. Wir wollen psychologische Unterstützung direkt zugänglich machen. Unser Kurs ist allerdings keine klassische Psychotherapie. Erstens sind wir online basiert, zweitens arbeiten bei uns keine Therapeuten, sondern Psychologen, also Psychologie-Absolventen. Diese Psychologen begleiten die Leute, sofern sie das wollen, durch einen 9 wöchigen Kurs. Per Telefon oder Email. Face to Face bieten wir nicht an. Die Idee ist ja, dass wir den Kurs dezentral anbieten und sagen können: „Egal wo ihr seid, wir sind für euch da!"

SETTING: Wie kann man sich so einen Kurs vorstellen?

FARINA: Der Kurs besteht aus ganz viel Information zum Thema Depression. Es geht um's Begreifen und darum sein eigenes Beispiel zu reflektieren. Anfangs füllt man zwei Wochen lang ein Tagebuch aus - was mache ich und wie geht es mir dabei. In der dritten Woche pickt man dann raus was gut tut und versucht auf diese Aktivitäten einzugehen und sie in eine Tagesroutine aufzubauen. Das letzte ist dann ein Rückfallkoffer. “Online“ heißt nicht lesen und fertig. Die Leute müssen alles auf ihren Alltag anwenden. Dahinter steckt das Prinzip der geleiteten Selbsthilfe - ich gebe dir was in die Hand, ausführen musst du’s dann selber. Und die Psychologen sind dazu da das zu begleiten.

SETTING: Was waren für euch bisher die größten Herausforderungen?

FARINA: Akzeptanz. Das war die die größte Herausforderung.

SETTING: Wie steht es mittlerweile um die Akzeptanz?

FARINA: Ich würde sagen „We are getting there!“ Durch eine laufende Studie und Beiträge in Zeitungen sehen wir, dass wir eine wissenschaftliche Fundierung bekommen und dadurch auch die Akzeptanz. Wir machen Pressearbeit, ganz klassisches Marketing und testen viel am Produkt selbst. Wir sind ja in einem Markt der noch eine ziemlich grüne Wiese ist. Darum müssen wir einfach noch viel ausprobieren und viel optimieren. Dann sind’s gerade der Reputation wegen Kooperationen mit relevanten Partnern. Also mit der Stiftung der Deutschen Depressionsliga oder mit der Robert Enke Stiftung. Im Endeffekt haben wir alle ja das gleiche Ziel und wir treten uns da auch nicht auf die Füße. Der Markt ist so groß, dass man sagen kann, wenn wir ein Stückchen helfen ist es besser, als wenn wir gar nicht helfen.

Die andere Herausforderung ist der Preis. Deutsche sind nicht besonders gewillt für Krankheitsleistungen oder Ärzteleistungen zu zahlen, die nicht durch die Kassen zurückfinanziert werden. Da sind wir aber dran. Darum auch die Studie, um auch mit den Kassen kooperieren zu können.

SETTING: Wie kam es eigentlich zur Gründung von Selfapy?

FARINA: Begonnen hat es damit, dass meine Mitgründerin Kati, eine Psychologin, für die Charité gearbeitet hat. In der Klinik für psychische Störungen. Dort hat sie gemerkt, dass es zwar ganz viele Leute mit psychischen Störungen gab, aber keine Möglichkeit, die Wartezeit auf eine Therapie irgendwie zu überbrücken. Gleichzeitig wurden die Wartelisten länger und länger. Da kam ihr die Idee was zu machen. In der klassischen Verhaltenstherapie gibt's einige Ansätze in Richtung begleitete Selbsthilfe, auch über die Distanz hinweg. Das hat sie in die Online-Welt gebracht. Und dann kamen wir dazu.

SETTING: Was hat dich motiviert mitzumachen?

FARINA: Ich komme aus dem klassischen Startup-, Entrepreneur-Bereich. Ich habe drei Startups gegründet, vor allem im Ausland. Seit eineinhalb Jahren bin ich wieder in Berlin und habe einfach ein Herzens-Projekt gesucht. Alles andere vorher hat riesig viel Spaß gemacht, aber ich hatte nie ein Projekt bei dem ich dachte hey, ich verbessere wirklich die Welt. Was als BWLerin auch nicht immer so einfach ist. Dementsprechend war das der erste Beweggrund. Und dann hatte ich, wie so viele, einen Depressionsfall oder mehrere eigentlich, in der Familie und konnte mich gut in das Problem reinversetzen.

SETTING: Welche Tipps würdest du aus deiner Erfahrung heraus anderen Startups mit auf den Weg geben?

FARINA: Erstens würde ich sagen: Get used to a Roller Coaster Ride! Gerade am Anfang ist es halt wirklich up and down. Es kann Down-Phasen geben und Zahlen können nicht funktionieren - über Wochen. Aber nicht aufgeben! Sondern nur denken: ich optimiere ich optimiere. Und irgendwie geht es schon wieder. Also nicht den Mut verlieren. Und das Zweite: don’t scale too quickly. Die Frage „Und - lässt sich das ganze skalieren?“ kommt immer, bei jedem Pitch. Aber nicht jeder Ansatz ist so skalierbar. Es lassen sich nicht Äpfel mit Birnen vergleiche. Und gerade im Digital Health Bereich braucht man einen sehr langen Atem. Es ist halt nicht der E-Commerce Shop den man in sechs Monaten von einem auf hunderttausend Units skaliert. Darauf muss man sich einstellen, und dementsprechend die finanziellen Mittel strecken.

Aber ich glaube, wir haben ein richtiges Timing. Ich glaube, die Kassen und gerade Deutschland öffnet sich dem so ein bisschen. Das nächste Jahr wird nochmal ein paar revolutionäre Änderungen bringen und dementsprechend wird es glaub ich sehr, sehr spannen!