JOCR | Foto © Xiomara Bender

Ich gehe gerne an Grenzen oder probiere Sachen aus wo mir erst mal alle sagen – das wird nichts!“

 

SETTING: Wie kommt es eigentlich, dass wir heute hier sitzen?

JOEL: Also - ich bin in Ottersberg bei Bremen geboren, bin dann nach Hamburg gegangen, an die SAE, hab da ein Diplom zum Medienproducer gemacht, hab mich danach mit einer Werbeagentur selbständig gemacht - wir haben Internetseiten programmiert und gestaltet, nach ein paar Jahren habe ich verkauft und Schauspiel studiert - weil meine damalige Freundin Schauspielerin war. Ich habe vier Jahr als Schauspieler gearbeitet, hatte irgendwann die Schnauze voll vor der Kamera zu stehen, weil ich eigentlich keine Rampensau bin, das kam eher zufällig. Dann war ich ein halbes Jahr in New York und hab dort erst mal nichts gemacht, nur die Stadt genossen. Und dann bin ich nach Berlin gezogen. Hier hab ich dann für eine Freundin aus Hamburg ein Casting-Studio aufgebaut, als Dependance sozusagen, und bin dort 2013 ausgestiegen, weil ich was eigenes machen wollte. 

SETTING: Wieder zurück zum Computer?

JOEL: Mir ist immer wieder aufgefallen, dass ich von Leuten ohne Ende angerufen werden, eben wegen Computerproblemen. Mich hat das eigentlich immer gestört, aber irgendwann hab ich gesagt ok, ich mach daraus ein Business. Und im Oktober 2014 habe ich gegründet.

SETTING: Wieder, gewissermaßen. Woher kommt dein Unternehmergeist?

JOEL: Ich habe neulich einen Satz über mein Geburtsdatum gelesen - ich liebe es anscheinend über Grenzen zu gehen. Das stimmt. Sachen von denen man sagt, „das traut man sich nicht zu“ oder „ist unmöglich“ oder so, haben mich immer gereizt. Das war auch so, als ich diese Agentur oder die Schauspielausbildung gemacht habe. Die haben gedacht jetzt dreht er total durch. Oder - was macht er jetzt, das passt doch gar nicht zu ihm, der ist doch ein Computer Nerd! Mich hat das gereizt weil ich dachte, ich kann auch was ganz anderes machen. Hat ja auch funktioniert.

SETTING: Du arbeitest ganz alleine. Wie ist das?

JOEL: Wenn ich zuhause bin in meiner Wohnung kann es schnell so gehen, dass ich mir denke, oh Gott, das funktioniert alles nicht, das ist alles schrecklich! Deswegen mag ich es, dass das Büro hier ist. Das ist so eine Art Kommandozentrale, vom Gefühl her. Wenn ich hier bin weiß ich, dass ich alles irgendwie in der Hand habe, dass was vorangeht. Zuhause war es immer ein fließender Übergang vom Büro zur Küche. Hier weiß ich - da sind meine Sachen, hier kann ich arbeiten und am Ende des Tages gehe ich raus und weiß was ich gemacht habe. Das mag ich an der Selbstständigkeit, dass man total wach sein muss. Dass man wie in der Wildnis kucken muss, wer von links und rechts kommt. Dass man sich seinen Platz finden und behaupten muss. Das macht mir den meisten Spaß. Auch wenn das manchmal schlaflose Nächte bedeutet. Weil bei manschen Entscheidungen nicht richtig weiß was macht man jetzt - weil man keine Erfahrung hat. 

Foto © Xiomara Bender

SETTING: Welche Entscheidungen sind die schwierigsten?

JOEL: Ein Produkt zu ändern. Preise zu ändern. Eine Website, die gut angenommen ist, komplett umzubauen. In dem Moment wo’s Scheiße läuft, ist es natürlich leichter Sachen anzupassen. Aber ich versuche immer vorher den Moment abzupassen, bevor sich etwas festsetzt hat und nicht mehr veränderbar ist.

SETTING: Arbeitest du sehr diszipliniert?

JOEL: Ja sehr. Ich habe richtig viel Methoden ausprobiert. Früher, als ich so fünfzehn, sechzehn war - meine Eltern sind Waldorf Lehrer, wir hatten also keinen Fernseher, keinen Computer, kein gar nix - habe ich heimlich eine Satellitenschüssel bei uns am Dach angebracht. Und hab dann auch den ersten Computer nachhause geschleppt und mich komplett in das Thema Computer eingearbeitet. Einfach aus Interesse. Ich bin jetzt nicht einer der immer den gleichen Rhythmus verfolgt. Ich arbeite manchmal von morgens um sechs und höre auf, wenn ich nicht mehr kann. Ich probiere aber richtig viele Sachen aus. Ich mag optimiertes Arbeiten, ich mag es absolut strukturiert den Tag zu planen. Auch mit digitalen Produkten.

SETTING: Tauschst du dich auch mit anderen Startups aus?

JOEL: Ich bin nicht so ein Netzwerker der rumläuft und sich mit Leuten austauscht. Ich bin eher einer, der für sich arbeitet. Die besten Kunden kriege ich dadurch, dass ich weiterempfohlen werde. Aber ich hab schon so ein paar Technik-Nerds um mich rum, oder auch Leute, die in dem Bereich arbeiten. Bei Youtube gibt’s da auch eine große Community mit anderen Youtubern mit denen ich mich da austausche. Das läuft aber eher nebenbei. Ich habe schon das Selbstbewusstsein selbst zu wissen, was das Ziel meiner Selbstständigkeit ist.

SETTING: Und das ist?

JOEL: Ich möchte den Menschen, die keine Ahnung von Computern haben, die Möglichkeit geben damit zu arbeiten. Ich richte mich wirklich an Anfänger und Leute, die computermäßig noch in den 80er leben, und die jetzt aber sagen ok, ich hab jetzt ein iPad oder ein iPhone und ich will mich damit auseinandersetzen und muss keine Angst mehr vorm Rechner haben. Da hab ich Spaß dran.

SETTING: Was würdest du aus deiner Erfahrung heraus anderen Startups raten?

JOEL: Aus meiner Erfahrung heraus ist es am wichtigsten zu machen. Nicht zu viel nachzudenken und Entscheidungen permanent zu überdenken. Nicht zu lange über Logo, Schrift und Farbe nachzudenken, sondern eher über das Produkt. Deswegen hängt hier auch: „DO IT!“ Ich habe lange gebraucht um zu sagen ich mache es einfach, anstatt den zu fragen den zu fragen und den zu fragen. Und jeder quatscht dich irgendwie voll und sagt denk doch mal darüber nach, ich weiß nicht ob das gut ist, ich weiß nicht ob du das kannst und so weiter. Deswegen kann ich nur sagen – wenn man es wirklich will - Scheuklappen und los!

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